Liebe Kolpinger!

Am Ende von Martins Adventsbrief steht das Gedicht „Schenken“ von Joachim Ringelnatz. Der letzte Satz lautet: „Sei eingedenk, dass dein Geschenk – Du selber bist.“

Dieser Schlusssatz ist für mich der Anfang des Schenkens.
Denn neben dem Nutzen für den Beschenkten oder seinem materiellen Wert beinhaltet ein Geschenk noch viel bedeutsameres, das für unsere Sinne verborgen ist. Etwas, das wir nur mit dem Herzen sehen, fühlen und hören können. Etwas voran wir glauben können, was uns Hoffnung gibt und was wir lieben. Die Wahrheit ist doch: Die wertvollsten Geschenke die wir erhalten, sind die, mit denen wir Respekt und Wertschätzung für uns als gottgewollten Menschen erfahren, im besten Fall die Liebe des Schenkenden zu uns erkennen.
Ein solches Geschenk lässt uns mit echter, ungekünstelter Freude und Dankbarkeit auf den Schenkenden reagieren. Auch hier, im besten Fall ist unsere Antwort Liebe.
Ein solches erfülltes Geschenk wird zu einem Symbol, zu einem sichtbaren Zeichen der Liebe, welches zu einer Antwort führt. Der Nutzen oder der materielle Wert des Geschenks spielen dann keine Rolle mehr.

Auch die Kirche kennt solche heiligen Symbole. In den Sakramenten wird die Liebe Gottes zu uns Menschen sichtbar und erfahrbar. Die Ehe ist ein solches Sakrament, und diesem Jahr haben wir gleich zwei Paare, die ihre Diamantenhochzeit erleben durften. Was für ein heiliges Geschenk.
So wie eine Ehe, so ist ein Geschenk immer ein Akt der gelebten Beziehung. Menschen brauchen Beziehungen, sonst verkümmern sie. Deshalb kann ich mir nichts selber schenken, ich kann mir vielleicht etwas gönnen oder leisten. Aber ein echtes Geschenk setzt einen Nächsten voraus, Ein Geschenk bekomme ich von jemand anderen. Darauf habe ich keinen Anspruch und ich kann es mir auch nicht verdienen, denn sonst wäre es kein Geschenk, sondern ein Verdienst oder eine Belohnung. Es muss also jemanden geben, der sich gerne von etwas trennt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten oder erhalten zu haben. So wie unser Gott.

Gerade zu Weihnachten beschenken wir andere Menschen gerne. Vermutlich wollen wir tief in uns spüren, wie das ist, wenn Gott in Jesus uns Menschen beschenkt. Wie das ist, sich nackig machen und sich zu offenbaren. Das unterscheidet die christliche Religion von anderen Religionen, die Klarstellung des Schenkens: kein „Bestechungs-Opfer“, keine Belohnung, kein Verdienst, nur das zarte, kleine, nackte Geschenk der Nächstenliebe. Keine List, keine Hintergedanken, nur die Ohnmacht der Selbst- Offenbarung.

Die ganze frohe Botschaft unseres Herrn erlebbar, auspackbar und begreifbar durch ein Geschenk! Jeder von uns kann ein bisschen wie Maria sein, die für uns ihr Kind liebevoll in Windeln wickelt, so wie ein Geschenk, das eingewickelt wird.

Vor der Weihnachtszeit steht die Adventszeit. Im Advent erwarten wir die Ankunft des Herrn.
Niemand weiß, ob der auferstandene Christus in diesem Jahr wiederkommt. Aber er kann in uns, durch uns und mit uns Ankunft halten, wenn wir seine Barmherzigkeit weiterleben.
Die derzeitige Situation mit der Corona-Pandemie, der Klimakrise und gierigen Staatenführern macht es uns nicht leicht, daran zu glauben, das Gott in uns Menschen Ankunft halten will. Was kann ich als Einzelner schon bewirken? Welchen Unterschied machen meine Taten in vermeintlich aussichtsloser Situation? Hierzu habe ich eine kleine Geschichte gefunden:

Der Seestern
Ein Sturm kam auf, der Orkan tobte.
Das Meer wurde aufgewühlt und meterhohe Wellen brachen sich ohrenbetäubend laut am Strand.

Nachdem das Unwetter nachließ, klarte der Himmel wieder auf.
Am Strand lagen unzählige Seesterne, die von der Strömung an den Strand gespült wurden. Ein kleiner Junge lief am Strand entlang, nahm behutsam einen Seestern in die Hand

und warf ihn ins Meer zurück.
Es kam ein Mann vorbei, ging zu dem Jungen und sagte:
"Siehst Du nicht, dass der ganze Strand voll von Seesternen ist?
Die kannst Du niemals alle zurück ins Meer werfen! Was Du da tust, ändert nicht das Geringste, dein Handeln wird da keinen Unterschied machen."

Der Junge schaute den Mann einen Moment an. Dann ging er zu dem nächsten Stern, hob ihn behutsam auf und warf ihn zurück ins Meer.
Dann sagte er zu dem Mann: "Für diesen einen Seestern hat es einen Unterschied gemacht."

Vielleicht ist es sogar ein wenig Glück, dass wir uns in diesem Advent zurück nehmen müssen. Dass wir so innehalten und erspüren können, was wirklich wichtig ist. Dass wir die Muße haben können, unseren Nächsten in seiner Einsamkeit, in seinen Sorgen und Problemen zu entdecken. Dass wir die Zeit finden können, mit einfachen Taten Gutes zu schenken, Freude zu schenken, Hilfe zu schenken. Dass wir erkennen können, was uns Gott in seiner Menschwerdung offenbart.

Gottes Wesen ist die Liebe, die sich in seiner Barmherzigkeit zeigt. Eine Liebe und Barmherzigkeit, die wir in der Nachfolge Jesu Christi weiter schenken sollen. Schenken kann einfach sein, wenn wir Augen, Ohren und unser Herz offen halten: Ein Anruf, ein Brief, eine E-Mail, ein Päckchen, ein Foto, ein Botendienst, ein Weihnachtsgebäck.

Am Anfang allen Schenkens steht der Satz: „Sei eingedenk, dass dein Geschenk – Du selber bist.“

Bleiben Sie gesegnet, damit Sie zu einem geschenkten Segen für Andere werden. Treu Kolping

Eutin, 20.11.2020, Diakon Joachim Siebrecht (Präses)